Déjà-lu?


Herbst

Notiz / 29. September 2020

Liebe Bücherfreunde,

„Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird“.

Dieses schöne Zitat wird Albert Camus zugeschrieben, und seien wir mal ehrlich: Genau so lieben wir diese Jahreszeit! Wir erfreuen uns an buntem Laub; an Sonnenstrahlen, die in Wäldern ein fahles Zwielicht durch die Bäume zaubern; die abgeerntete Felder in satten, erdigen Tönen leuchten lassen und den Blüten und Früchten der Blumen und Sträucher einen letzten kräftigen Farbtupfer verleihen. Wir genießen den Wind, der die Wolken lustig vor sich hertreibt und bizarre Bilder an den Himmel malt. Den würzigen Duft, wenn der Regen mal wieder alles reingewaschen hat.

Aber was ist, wenn der Herbst sein anderes Gesicht zeigt? Wenn die Tage neblig trüb sind und die Sonne sich ewig nicht zeigt? Wenn der Regen nicht mehr aufhören will, keine fröhlich hüpfende Tropfen formt, sondern lange Bindfäden? Wenn der Wind uns nicht mehr neckisch um die Nase weht, sondern stürmisch umarmt? Wenn die Blätter nicht mehr feurig und in allen Farben leuchten, sondern nur noch blass Ton in Ton schimmern ?

Dann schlägt uns der Herbst aufs Gemüt. Er versetzt unserer Seele einen Stich, drückt auf die Stimmung und verwandelt Heiterkeit mitunter in Melancholie.

Aber es gibt ein ganz einfaches Rezept, mit dem man vorbeugen kann, an solch trüben Tagen die gute Laune nicht zu verlieren. Und wie könnte es anders sein: Dein Freund und Helfer ist die Literatur! Beim Stöbern (schöne Textstellen schreibe ich immer auf, denn irgendwann finden sie Verwendung) bin ich in dem alten Kinderbuch-Klassiker „Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren auf folgende Passage gestoßen, die mir so berührend wie passend erschien:

„Ich sauge den Sommer in mich rein wie die Wildbienen den Honig“, sagte sie. „Ich sammele mir einen großen Sommerkuchen zusammen und von dem werde ich leben, wenn… wenn nicht mehr Sommer ist. Und weißt du, woraus er besteht?“
Und sie erzählte es Birk.
„Es ist ein einziger großer Kuchen aus Sonnenaufgängen und Blaubeerreisig mit reifen Beeren und Sommersprossen, die du auf den Armen hast, und abendlichem Mondschein über dem Fluss und Sternenhimmel und Wald in der Mittagshitze, voll von Sonnenlicht auf den Fichten und Regenschauern und all sowas. Und voller Eichhörnchen und Füchse und Hasen und Elche und dazu alle Wildpferde, die wir kennen. Und auch noch unser Schwimmen und Reiten im Wald, ja, da hörst du, dass mein großer Kuchen aus allem besteht, was Sommer ist.“

(Astrid Lindgren: „Ronja Räubertochter“, Oetinger Verlag 1982, S. 200)

Das Schöne an Rezepten ist, dass sie wandelbar sind. So kann jeder die Zutaten für diesen Kuchen individuell variieren und nach seinem Geschmack backen. Schöne Herbstzeit!

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